Vikky

Verraten

In Beziehungsweise on 29. April 2009 at 11:15

Wissen ist Macht? Von wegen. Wissen tut weh. Der Rattenschwanz der Affäre wird immer länger und je mehr Informationen und Sichtweisen von außen an mich heran getragen werden, um so größer wird mein Schmerz und die Verwirrung. Nicht mehr die Affäre selbst und dass es geschehen ist, wird zum Politikum, sondern die Art und Weise, wie jeder einzelne, der emotional daran beteiligt zu sein scheint, damit umgeht. Ich bin der Kommissar, der mit jedem Beteiligten spricht und zu ermitteln versucht, um den Fall zu klären und zu lösen. Ich spüre genau, wie sich die Kontinentalplatten meiner kleinen Welt verschieben und ich kann nur dasitzen und dabei zusehen. Ich fühle mich wie gelähmt und bin fassungslos, habe Wissen, aber bin machtlos. So habe ich mir das nicht gedacht.

Was passiert ist? Mir wurde über eine mir nahestehende Freundin, auch gerne von uns „Die Diplomatin“ genannt, eine weitere Perspektive, eine andere Sichtweise kund getan. Nämlich die Sicht der Frau, deren Ex-Freund meine Geburtstags-Affäre wurde. Jene, die in der Bar aus dem Munde meiner Ex-Liebe, angeblich in betrunkenem Kopf und im Affekt, von der Affäre erfuhr. Jene, die ihrem Ex nun die Freundschaft gekündigt hat und bald auch gerne noch persönlich die Sache mit mir bereinigen möchte, aber das steht noch aus. Zugegeben, wer jetzt erst in meine Geschichte einsteigt, wird mindestens so verwirrt sein, wie ich – und ich war von Anfang an dabei! Willkommen in meiner Welt, spüren Sie, wie sich alles dreht und wackelt? Sie können ja immerhin einfach an den Anfang meines Blogs gehen, quasi zurückblättern. Ich erspare mir und Ihnen, hier wieder alles aufzurollen.

Also, wo war ich? Achja. Ich komme mir vor wie ein Kommissar, der mit allen Beteiligten spricht, auch denen, die gar keine Zeugen sind, und sich die jeweiligen Aussagen anhört. Problem ist in diesem Fall nur, dass ich sowohl ermittelnder Kommissar als auch Täter bin, das erschwert die Sache natürlich ein wenig. Jedes Mal kommt eine neue Version heraus und es gibt so viele Varianten der Geschichte, wie Personen befragt werden, natürlich bis auf einige kleine Kongruenten. Was mich persönlich gerade erschüttert, ist die Tatsache, dass mein klärendes Gespräch mit IHM nicht ganz so ehrlich verlaufen ist, wie von mir gedacht. Man mag es als kleinlich bezeichnen, aber so sehr im Affekt und aus gekränkter Seele heraus, hat ER gar nicht geplaudert. Wir erinnern uns mal wieder zurück in die Bar, an jenem Abend, als ER bei ihr an der Bar saß. ER war nicht allein. Sondern die zweite Freundin, die ebenfalls noch Zeugin meiner Küchen-Kuss-Szene an meinem Geburtstag wurde, saß ebenfalls an der Bar. Die beiden wurden darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Bar-Frau sich von ihrem Mann, genau, meiner Affäre, endlich getrennt habe. Ein Vorhaben, das schon seit geraumer Zeit in der Luft lag und nun vollzogen wurde. Kaum hatten beide dies vernommen, waren beide der Ansicht, dass es unter diesen Umständen an der Zeit wäre, sie aufzuklären, über das, was zwischen ihrem nun Ex und mir vorgefallen war. Erst danach betrat ihr Ex die Bar, platzte genau in diese Stimmung und wurde, zurecht, wieder heraus komplimentiert.

Die anderen Details tun jetzt nichts zur Sache. Es geht ja um den Verrat, der mir widerfahren ist. Ich glaubte IHM, als ER mir sagte, ER hätte, angeblich erst nachdem der Ex die Bar betrat, und nachdem sie nachfragte, warum ER so überreagierte, spontan und unüberlegt von meiner Affäre erzählt. Ich habe IHM vertraut. Aber er hat mich in vollem Bewusstsein ans Messer geliefert. ER hat mich an jenem Abend bei mir, von dem ich dachte, dass er so bereinigend sei und wir so vieles klären konnten, belogen. Und das trifft mich am meisten. Aber wem glaube ich nun? Ich erinnere mich, vor vielen Jahren, als ich mit großen Zukunftsplänen nach Berlin kam, da wollte ich mal Kommissarin werden. Gott, ich hatte ja keine Ahnung!

Ich weiß, ich war der Auslöser dieses ganzen Falles. Aber ich handelte so, weil ich durfte, ich war mit niemandem liiert und ER sagte mir stets „Hab Spaß, mach nur und schäm dich nicht.“ ER tat es ja auch, immer wieder. Auch meine Affäre handelte, weil er dachte, er durfte. Keiner von uns dachte, er würde irgendjemandem damit wehtun oder gegen Regeln verstoßen, jeder von uns dachte jeweils, er hätte von seinem Liebsten die Erlaubnis. Doch wir hatten uns getäuscht. Das Kleingedruckte war mal wieder schuld. Wir hatten es nicht gelesen, zu dumm auch.

Und die Konsequenz?
Mein Vertrauen in IHN ist dahin. ER hat mich verraten, wissentlich. Was soll ich IHM noch glauben?
Meine Affäre wird von seiner Ex mit Missachtung gestraft. Freundschaft gekündigt.
Die Freundin, die zweite Zeugin des Abends, kündigt ihm ebenfalls aus Solidarität zu seiner Ex die Freundschaft.
Meine Freundschaft zu seiner Ex? Wir werden sehen, wir werden uns treffen uns reden. Retten, was zu retten ist.

Da habe ich ganz schön was losgetreten. Und ich dachte noch einen Augenblick, dass es in irgendeiner Weise sein gutes hätte, weil es alle Beteiligten zum Nachdenken gebracht hat, zum Überdenken ihrer ach so coolen Einstellungen und Sichtweisen, zum miteinander Reden. Aber was bringt das, wenn alle sich gegenseitig nicht die volle Wahrheit sagen? Sich belügen und verraten? Mann, was auch immer mich damals geritten hat, aber ich bin so froh, dass aus mir nie eine Kommissarin geworden ist!