Damit jetzt keine Missverständnisse aufkommen, ich meine mit indischen Löwen nicht die stolzen langmähnigen und majestätischen Vierbeiner, die man für gewöhnlich in ihrem brüllenden Element im Zoo besichtigen kann, sondern die nicht weniger stolzen Vertreter des gleichnamigen Sternzeichens und zwar die männlichen Vertreter, um genau zu sein. Hierzu sei nur ganz kurz angemerkt, dass ich als weiblicher Widder so meine liebe Not mit denen habe – ich bin so schlecht im willenlosen Anhimmeln.
Ich starte meine mittlerweile vierte Indien-Reise in Bombay – ich bevorzuge übrigens den Namen Bombay gegenüber Mumbai, es klingt irgendwie noch so nach großen vergangenen Zeiten, als es noch Seidenstraßen, britische und portugiesische Kolonien und so was gab.
Naja, am zweiten Tag mache ich durch eine sehr liebe Australierin namens Cate, die ich am Bahnhofschalter für internationale Reisende im ersten Stock des Chhatrapati Shivaji Terminus kennen lernte, die Bekanntschaft mit dem indischen Landsmann Raman. Wo sie ihm begegnete, vermag ich nicht zu sagen. Raman ist Yoga-Lehrer, weltbereist – er war sogar schon in diversen deutschen Städten und beherrscht sogar etwas deutsch – spricht ein hervorragendes Englisch und erblickte angeblich im Spätsommer des Jahres 1957 in Bombay das diesige Tageslicht Indiens.
Ich lerne ihn beim gemeinsamen Frühstück mit Cate im berühmten Leopold Cafe in Colaba kennen. Er trägt dunkle Hosen, ein weißes Hemd, das graue nackenlange Haar locker nach hinten gestrichen und einige unübersehbare Goldringe an seinen Händen, die er grazil, fast feminin gestikulierend beim Reden in die Lüfte schwingt. Ein sympathischer Kerl beim ersten Eindruck.
Nach unserem Frühstück springen wir drei in ein Taxi und Raman zeigt uns sein Bombay. Wir fahren entlang des Marine Drive, weiter entlang der Küste vorbei an der Haji Ali Moschee und über die monumentale Brücke, die im weiten Bogen übers Arabische Meer gebaut wurde – weil auf dem Festland einfach kein Platz mehr war für eine große Umgehungsstraße – Richtung Malad im Norden Bombays, die Gegend, in der Raman geboren und aufgewachsen ist.
Wir lernen seine alten Freunde kennen und die Straßenhändler, die ihn allesamt von Kindesbeinen an kennen, schon seit zwei Jahren nicht zu Gesicht bekommen hatten und sich jetzt sichtlich freuten, ihn wieder zu sehen. Er gibt uns Chai aus und erzählt Geschichten aus seiner Jugend. Er führt uns in Ecken in Bombay, die sonst kein Tourist betreten würde und wartet auch stets geduldig, wenn Cate und ich begeistert unsere Kameras zücken.
Raman und ich verstehen uns gut. Er raucht Zigaretten und trinkt gerne Wein, supi, ich auch! Ich mag ihn wirklich und erzähle ihm von meinen Plänen, in den Süden Indiens, Richtung Mysore zu reisen und er bietet mir an, mich irgendwo auf dem Weg dorthin zu treffen und ein Stück zu begleiten. Abgesehen davon habe er auch einen Freund, der ein piekfeines Ressort in den Weinbergen führt und Raman eingeladen hat, wohin er mich auch gerne mitnehmen könne – Urlaub am Pool zwischen Weinbergen und dem Duft von Weintrauben in der Nase, die Idee gefiel mir spontan extrem gut.
Da mir an diesem Tag schon binnen einer Stunde klar wird, dass es von enormem Vorteil ist, mit einem indischen Guide zu reisen, welcher der Landessprache mächtig und mit den zuweilen gewöhnungsbedürftigen Gepflogenheiten vertraut ist, willige ich in die zunächst unverbindliche Abmachung ein und lasse mir seine Handynummer und Email-Adresse geben. Wir verbringen einen wirklich tollen Tag zusammen und am späten Nachmittag verabschieden Cate und ich uns von Raman und fahren jeweils in unsere Hotels.
Nach meinem vierten Tag in Bombay begebe ich mich auf eine zwölfstündige Nachtzugfahrt nach Goa und verbringe hier erst mal knapp zwei Wochen, um mich zu erholen und wirklich in Indien anzukommen. Nach dieser Zeit schreibe ich Raman eine Mail. Ich wollte nicht gleich anrufen, immer schön langsam machen, wir wollen ja nix überstürzen. In der Mail komme ich unter anderem auf das Weingut zu sprechen, von dem ich dachte, es würde auch im Süden liegen, da wir nur vom Reisen in den Süden sprachen und hinterlasse ihm meine Handynummer.
Den ganzen Tag verbringe ich bis spät in die Nacht am Strand, während mein Laptop und Handy in meinem Appartement liegen und die Akkus geladen werden. Umso mehr staune ich bei meiner Rückkehr ins traute indische Heim, als ich SECHS verpasste Anrufe von Raman feststellen muss. Oh Gott, is was passiert? Ich mache mir etwas Sorgen, beschließe aber, ihn am nächsten Tag nach meinem Frühstück anzurufen, um zu erfahren, wo’s brennt, da es schon so spät ist. Doch Raman ist schneller als ich. Es ist 8.24 Uhr am nächsten Morgen und ich räkele mich noch mitten in der Aufwachphase im Bett, da mein Wecker erst um 8.30 rappeln wird. Das Handy klingelt und ich erschrecke. Raman. Ich gehe nicht ran. Is MiR doch egal, ob was passiert is, ich kriege ja noch keinen einzigen Ton raus! Ein Anruf VOR neun Uhr – Frechheit! Kaffee, ich brauche jetzt erst mal einen Kaffee.
Während ich die erste Tasse trinke und dabei eine Zigarette rauche, checke ich meine Mails. Raman hat geschrieben. Du meine Güte, denke ich. Der versucht’s aber auch über alle Kanäle.
“guten morgen wibke, yes i remember u, and sometimes think of u and our meeting. glad that u emailed me. i am in goa in arambol, yes i would be glad to meet u and go to the vineyard, or travel together in south, but i have had enough with the aussies – damit meint er wohl Cate und ihre mittlerweile angereiste Freundin. Seltsam, was da wohl vorgefallen ist? – also do not want to travel with a crowd, if u like u and me can go to the vineyard and take it from there as far as budget goes remember the owner is a good friend so its money not the issue – also i am loaded and love spending – Oh, Oh! „loaded and love spending“, was soll’n das heißen! – wibke i will call u soon and speak with you, take care choost. love raman. i just want to live life kingsize, here and now.” Aha, soso. Ja, das wünschen wir uns doch alle irgendwie, oder?
Nicht weiter über so manchen glitschigen Inhalt seiner Mail nachdenkend, greife ich zum Telefon und rufe Raman an. Ich erkläre, dass ich am Vortag mein Handy nicht dabei hatte und frage besorgt, was los sei. Nix! Also fast nix. Er sei mittlerweile, wie geschrieben, gar nicht so weit weg von mir und plant in den nächsten ein bis zwei Tagen in Richtung Freund zum Weingut zu fahren. Und ich wollte doch gegebenenfalls mit. Achso. Ich notiere mir schnell den Ortsnamen des Weingutes und wir vereinbaren, uns in zwei Tagen gemeinsam zum Busbahnhof zu begeben. Meine Bedenken, so schnell abzureisen, da ich eigentlich abgebrannt bin und auf neues Geld auf meinem Konto warte, das bald kommen sollte, wischt Raman schnell aus dem Weg. Er habe genug Geld und könne mir ohne Probleme die ersten Tage aushelfen. Hm, mag ich ja nicht so gerne und ich kenne ihn ja eigentlich kaum, aber naja. Locker machen, Wibke! Go with the flow, sagen sie hier in Indien immer so schön. Er kümmert sich um die Fahrt, angeblich nur vier Stunden mit dem Bus und dann noch ein wenig mit dem Zug weiter. Ich freue mich, stimme zu und wir legen auf.
Während in mir schon die Vorfreude aufsteigt, begebe ich mich am nächsten Tag ins Internet und schaue mir per Eingabe des Ortnamens “Nasik” an, wohin die Reise gehen wird und werde blass. Nasik, auch Nashik genannt, liegt nordöstlich von Bombay, etwas höher gelegen in den Bergen. Wie bitte? Zurück Richtung Bombay? Da komme ich doch gerade her! Ich würde ohnehin in vier Wochen wieder nach Bombay reisen, da ich von dort aus die Heimreise antrete. Und überhaupt. Vier Stunden mit dem Bus und weiter mit dem Zug, will der mich veräppeln? Ich habe zwölf Stunden mit dem Zug nach Goa gebraucht und in die Gegenrichtung beamen wir uns jetzt per indischem Bus, oder was? Und wir hatten doch vom Süden geredet die ganze Zeit, scheiße! Ach Wibke, warste wieder zu voreilig und jetzt haste den Schlamassel.
Es ist früher Nachmittag, als ich Raman anrufe. Ich erkläre ihm im demütigsten Tonfall, den ich auf Lager habe, dass ich wohl einem Missverständnis auf den Leim gegangen bin und schildere ihm meinen Nord-Süd-Konflikt, dass es totaler Unsinn sei, jetzt noch weiter als Bombay Richtung Norden zu reisen, um danach zurück in den Süden zu fahren und in vier Wochen wieder nach Norden. Ich entschuldige mich für mein miserables Wissen in Sachen indischer Geographie und sage noch etwas von wegen, es wäre schön, wenn wir doch noch zusammen kämen, wenn auch er sich in Richtung Mysore oder Gokarna aufmache, aber das Weingut muss ich leider ausfallen lassen. Doch ich komme nicht einmal dazu, meinen Satz zu beenden. Er nutzt meine Atempause und sagt kurz und knapp “Okay, thank you. Then I wish you a pleasant time. Enjoy your journey to the south. Bye!” tut-tut-tut… Aufgelegt.
Boah, das saß. Sogleich ergreift ein schweres, mulmiges Gefühl von meinem Bauch Besitz und ich fühle mich von einer Sekunde auf die nächste miserabel. Thank you! Von wegen “loaded and love spending”, der is jetzt sowas von pissed und hat mich eiskalt abserviert, weil er wahrscheinlich Gott weiß was denkt, weshalb ich abgesagt habe. Ich mache sogleich einen ausgiebigen Spaziergang am Strand, um meine Laune wieder aufzupeppeln. Der Sonnenuntergang vertreibt die letzten schlechten Gefühle.
Wieder in meinem Appartement, lese ich mir noch mal seine Mail durch. Der Abschnitt “… but i have had enough with the aussies…” veranlasst mich, meine neue australische Travel-Freundin Cate anzurufen, die auch mittlerweile hier in Goa weilt. Hat sie etwa ähnliches mit ihm erlebt? Wir verabreden uns zum Dinner, da sie nur zehn Minuten von mir entfernt in einem Guesthouse untergekommen ist. Beim Abendessen im Tibetischen Restaurant erzähle ich ihr meine ganze Raman-Story bis zum tut-tut-tuut der Telefonleitung und sie berichtet mir ihre, welche meiner wie befürchtet gar nicht so unähnlich ist.
So weltoffen und selbstsicher unser Yoga-Lehrer Raman auch sein mag, sobald er auch nur im Geringsten eine Ablehnung erfährt, zieht er sich ruckartig wie eine Mimose zusammen und macht einen auf beleidigte Leberwurst. Gerne tritt er sogar noch nach, wie in Cates Fall. Auch die beiden hatten lapidar darüber gesprochen, ob sie nicht in irgendeine Richtung gemeinsam reisen wollen. Cate war das allerdings ebenso lieb wie egal, was sie ihm auch deutlich sagte mit den Worten “I would be happy, if we’d travel together, but I’d also be happy, if we don’t”, was wörtlich übersetzt so viel heißt wie “Ich fänd’s schön, wenn wir ne Weile zusammen reisen, aber auch nicht schlimm, wenn nicht.”
Dem lieben Raman wäre eine Reaktion wie “Ohja, supergerne möchte ich, dass wir zusammen reisen! Bitte Raman, nimm mich mit!” wohl lieber gewesen, aber die bekam er nicht. Vielmehr war es Cate in der Tat gehupft wie gesprungen, ob sie nun mit oder ohne ihn reise und das machte Raman grantig. Nachdem sie ihre Worte gesprochen hatte, reagierte er erst mit Schweigen, dann zickig und wechselte das Thema.
Er schaute angeblich musternd an ihr herunter und meinte, dass ihr Bäuchlein ja schon sehr auffällig sei und ob sie nicht hier in Indien das eine oder andere Kilo abspecken möchte. Cate, die natürlich gleich merkte, dass er an ihrem femininen Ego kratzen wollte, um über sein eigenes angekratztes Löwen-Ego hinwegzutäuschen, stimmte ihm, anstatt sich beleidigt zu brüskieren – was er freilich erwartete – sogar zu. Sie wäre sich dessen durchaus bewusst und wolle in der Tat etwas abnehmen. Ob dieser misslungenen Flanke unterhalb der Gürtellinie gab Raman es auf und die beiden trennten sich mit einer eiskalten Verabschiedung. Seither war er nicht mehr gesehen. Was für ein unverschämter Kerl!
Mann, mann, mann! Cate und ich kommen zu dem Schluss, dass uns das Schicksal wohl beide vor etwas Schlimmeren bewahrt hat, indem sich unsere und Ramans Wege jeweils so abrupt getrennt haben. Und da haben wir’s mal wieder. Die Löwen und die Inder. Immer für Überraschungen gut aber irgendwie auch berechenbar. Man sollte es eigentlich besser wissen.
Am nächsten Morgen klingelt übrigens wieder mein Handy, es ist 8.57 Uhr. Im Display lese ich “Raman”.
Pffff! Ich denke ja nicht dran! Soll er mir doch den gebräunten Buckel runter rutschen.
Meine Erkenntnis: Löwen sind einfach mit Vorsicht zu genießen – da hilft auch Yoga leider nix. Also, immer schön rechtzeitig die Finger wegziehen, sonst kann’s wehtun.